Poesie

Wenn jemand stirbt, das nicht allein ist Tod.
Tod ist, wenn einer lebt und es nicht weiß.
Tod ist, wenn einer gar nicht sterben kann.
Vieles ist Tod; man kann es nicht begraben.
In uns ist täglich Sterben und Geburt,
und wir sind rücksichtslos wie die Natur,
die über beidem dauert, trauerlos
und ohne Anteil.

Rainer Maria Rilke
(Aus: „Die weiße Fürstin“)

*

Aufhebung

Sein Unglück
ausatmen können

tief ausatmen
so daß man wieder
einatmen kann

Und vielleicht auch sein Unglück
sagen können
in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte

Und weinen können

Das wäre schon
fast wieder
Glück

Erich Fried

*

Man muss den Dingen
die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist austragen – und
dann Gebären ….

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
Und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit…

Man muß Geduld haben,
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antwort hinein.

Rainer Maria Rilke
(Aus „Briefe an einen jungen Dichter“)

*

Selbstporträt

Es interessiert mich nicht, ob es einen Gott
oder mehrere Götter gibt.
Ich will wissen, ob du dich verbunden oder verlassen fühlst.
Ob du Verzweiflung kennst, oder sie in anderen erkennen kannst.
Ich will wissen,
ob du bereit bist, in der Welt zu leben
mit deren harter Notwendigkeit
dich zu verändern. Ob du zurückschauen kannst
mit festem Blick
und sagen kannst, hier stehe ich. Ich will wissen,
ob du weißt,
wie du aufgehst in jene heftige Hitze des Lebens,
da du auf das Zentrum deiner Sehnsucht
zufällst. Ich will wissen,
ob du bereit bist,
Tag für Tag mit den Folgen der Liebe zu leben
und dem bitteren
unerwünschten Leiden deiner sicheren Niederlage.

Ich habe gehört, dass in jener heftigen Umarmung sogar
die Götter von Gott sprechen.

     David Whyte

*

 

2 Antworten

  1. Hab Dank! Ja, tiefenökologisch ist Chemnitz noch ein bißchen verschattet – aber das wird sich ändern 🙂 Und Chemnitz ist tatsächlich so eine „Liebe auf den zweiten Blick“-Stadt. Weiterhin gutes Einleben!

    21. November 2011 um 09:39

  2. Matthias Erdmann

    Nachdem ich vor anderthalb Jahren nach Chemnitz gezogen bin, entdecke ich nun immer wieder wunderbare Menschen ganz in meiner Nähe – wie schön! Bin vor ein paar Wochen über die Stichworte „Tiefenökologie“ und „Chemnitz“ auf diese Seite gestoßen und bin begeistert, wie sie sich mit Leben füllt… – fühle mich berührt und schon viel wohler in Chemnitz 😉 !
    Matthias

    20. November 2011 um 17:53

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